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Lernentwicklungsgespräche statt Zeugnisnoten – wie funktioniert das?

Redaktion · 7 Minuten Lesezeit · 12. September 2026

Kurz erklärt

Lernentwicklungsgespräche sind strukturierte Gespräche zwischen Lehrkraft, Kind und oft den Eltern, die die persönliche Lernentwicklung in den Mittelpunkt stellen. Sie ersetzen oder ergänzen die klassischen Zeugnisnoten durch individuelle Rückmeldungen zu Stärken, Lernfortschritten und nächsten Schritten. Ziel ist es, das Lernen transparenter und kindgerechter zu machen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Lernentwicklungsgespräche (LEG) sind strukturierte Gespräche über die Lernentwicklung eines Kindes, meist zwischen Lehrkraft, Kind und Eltern.
  • Sie können klassische Zeugnisnoten ganz oder teilweise ersetzen, insbesondere in der Grundschule.
  • Im Mittelpunkt stehen Stärken, Lernfortschritte, Interessen und individuelle Ziele – nicht die reine Bewertung.
  • Der Ablauf ist meist vorgegeben: Vorbereitung, Gespräch (oft mit Kind), Vereinbarung von Zielen, schriftliche Dokumentation.
  • Vorteile: Mehr Transparenz, Förderung der Eigenverantwortung, weniger Vergleichsdruck. Herausforderungen: Zeitaufwand, Umsetzung je nach Schule und Bundesland unterschiedlich.

Erklärung / Hintergrund

Lernentwicklungsgespräche (oft abgekürzt als LEG oder auch Schüler-Eltern-Lehrer-Gespräche) sind eine alternative Form der Leistungsrückmeldung im Schulalltag. Anders als klassische Zeugnisnoten, die meist nur in Form von Ziffern (z. B. „2“ in Mathe) oder kurzen Bemerkungen gegeben werden, setzen Lernentwicklungsgespräche auf persönliche Rückmeldung und Dialog.

Das Ziel: Die individuelle Entwicklung des Kindes steht im Mittelpunkt, nicht der Vergleich mit anderen. Dabei geht es nicht nur um Fachwissen, sondern auch um Lernstrategien, Motivation, Arbeitsverhalten und soziale Kompetenzen. Viele Schulen nutzen Lernentwicklungsgespräche als Ersatz oder Ergänzung zu den Halbjahres- oder Jahreszeugnissen, besonders in den ersten Schuljahren.

Diese Form der Rückmeldung ist in den letzten Jahren in mehreren Bundesländern erprobt und eingeführt worden. Sie ist Teil eines größeren Trends, Schule kindgerechter und individueller zu gestalten.

Wie läuft ein Lernentwicklungsgespräch ab?

Der Ablauf variiert je nach Schule und Bundesland, folgt aber meist einem ähnlichen Muster:

  1. Vorbereitung

    • Die Lehrkraft bereitet eine Übersicht zu Lernständen, Stärken und Entwicklungsfeldern des Kindes vor.
    • Viele Schulen beziehen das Kind aktiv ein: Es reflektiert selbst, was gut läuft und wo es sich verbessern möchte (Selbsteinschätzung).
    • Eltern erhalten meist einen Fragebogen oder werden gebeten, Beobachtungen und Fragen aufzuschreiben.
  2. Das Gespräch

    • Das Gespräch dauert in der Regel 20 bis 40 Minuten und findet mit Lehrkraft, Kind und mindestens einem Elternteil statt.
    • Im Mittelpunkt stehen die Fragen: Was habe ich gelernt? Was fällt mir leicht? Wo habe ich Schwierigkeiten? Was möchte ich als Nächstes erreichen?
    • Lehrkräfte geben gezielte Rückmeldungen, benennen Stärken und besprechen gemeinsam mit Kind und Eltern mögliche nächste Schritte.
    • Das Kind wird als aktiver Gesprächspartner gesehen. Es soll seine Sicht einbringen und eigene Ziele formulieren.
  3. Vereinbarung von Zielen

    • Am Ende werden konkrete Ziele oder Vereinbarungen für die nächste Zeit festgehalten, zum Beispiel: „Ich übe, meine Hausaufgaben sorgfältiger zu machen“, oder „Ich traue mich, öfter Fragen zu stellen“.
    • Diese Ziele werden schriftlich dokumentiert und beim nächsten Gespräch überprüft.
  4. Dokumentation

    • Die Ergebnisse des Gesprächs werden in einem Protokoll, Entwicklungsbericht oder Lernportfolio festgehalten.
    • Eltern erhalten meist eine Kopie, das Kind kann die Vereinbarungen mit in den Alltag nehmen.

Beispiel aus dem Schulalltag

Ein typisches Lernentwicklungsgespräch in der 3. Klasse könnte so aussehen:

  • Die Lehrerin begrüßt das Kind und die Eltern, lobt die Fortschritte im Lesen und im Umgang mit anderen Kindern.
  • Das Kind erzählt, dass es Mathe-Aufgaben manchmal zu schnell macht und dabei Fehler passieren.
  • Gemeinsam überlegen sie, wie das Kind beim Rechnen sorgfältiger arbeiten kann. Die Lehrerin schlägt vor, Rechenwege laut zu erklären.
  • Am Ende wird als Ziel festgehalten: „Ich kontrolliere meine Aufgaben, bevor ich sie abgebe.“

Ziele und Grundgedanken

Lernentwicklungsgespräche verfolgen mehrere Ziele:

  • Die Lernentwicklung soll stärker in den Mittelpunkt rücken, nicht nur das Ergebnis.
  • Kinder lernen, über sich und ihr Lernen zu sprechen – eine wichtige Kompetenz für die Zukunft.
  • Eltern erhalten ein differenzierteres Bild, was ihr Kind kann und wo es Unterstützung braucht.
  • Die Schule signalisiert: Jeder Lernweg ist individuell, Vergleiche stehen nicht im Vordergrund.

Unterschiede zu klassischen Zeugnisnoten

Lernentwicklungsgespräch Klassisches Zeugnis (Noten)
Dialog zwischen Lehrkraft, Kind, Eltern Einseitige Rückmeldung (Ziffernote)
Individuelle Stärken, Ziele, Entwicklungen Vergleich mit allgemeinem Notenmaßstab
Fokus auf Lernprozess und Kompetenzen Fokus auf Fachleistungen
Schriftliche Dokumentation, oft als Bericht Zeugnis als offizielles Dokument
Kind als aktiver Teilnehmer Kind oft nicht beteiligt

Wo werden Lernentwicklungsgespräche eingesetzt?

  • In mehreren Bundesländern sind Lernentwicklungsgespräche in der Grundschule (teils auch in Sekundarstufe I) als Alternative zu klassischen Notenzeugnissen möglich oder verpflichtend.
  • Häufig werden sie in den Klassen 1 bis 3 genutzt, teilweise bis Klasse 4 oder 6.
  • Manche Schulen führen sie zusätzlich zu Noten ein, andere ersetzen Notenzeugnisse ganz oder teilweise.
  • In weiterführenden Schulen sind sie bisher weniger verbreitet, kommen aber in reformorientierten Schulen oder bei bestimmten Projekten zum Einsatz.

Was bedeutet das für Familien und Schulen?

Für Familien

  • Eltern erhalten eine detailliertere Rückmeldung über die Entwicklung ihres Kindes, nicht nur eine Note.
  • Sie können gezielter unterstützen, weil sie wissen, wo Stärken und Herausforderungen liegen.
  • Das Gespräch bietet Raum für Fragen und Austausch. Viele Eltern erleben es als wertschätzend und motivierend.
  • Manche Eltern vermissen die Vergleichbarkeit („Wo steht mein Kind im Vergleich zu anderen?“) oder sorgen sich, dass ohne Noten der Leistungsstand nicht klar wird.

Für Kinder

  • Kinder erfahren Wertschätzung für ihre individuellen Fortschritte.
  • Sie lernen, über ihr Lernen nachzudenken und eigene Ziele zu formulieren.
  • Der Druck, sich mit anderen zu messen, nimmt ab – das kann entlastend wirken.
  • Manche Kinder finden es anfangs ungewohnt oder haben Sorge, im Gespräch Fehler zuzugeben.

Für Lehrkräfte und Schulen

  • Die Vorbereitung und Durchführung ist aufwändiger als das Schreiben von Notenzeugnissen.
  • Lehrkräfte müssen gezielt beobachten, dokumentieren und Gespräche leiten.
  • Die Zusammenarbeit mit Eltern und Kindern wird intensiver.
  • Schulen berichten, dass das Schulklima und die Lernmotivation profitieren können.

Vor- und Nachteile von Lernentwicklungsgesprächen

Vorteile

  • Individuelle Rückmeldung statt pauschaler Bewertung
  • Förderung von Eigenverantwortung und Selbstreflexion
  • Mehr Motivation durch Anerkennung von Fortschritten
  • Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Schule und Elternhaus
  • Weniger Vergleichsdruck und Angst vor schlechten Noten

Nachteile und Herausforderungen

  • Hoher Zeitaufwand für Lehrkräfte
  • Manche Eltern wünschen sich weiterhin klare Noten
  • Aufwand für Dokumentation und Nachverfolgung
  • Unterschiedliche Umsetzung je nach Schule und Bundesland
  • Gefahr, dass Gespräche zu allgemein bleiben, wenn sie nicht gut vorbereitet sind

Was die Forschung sagt

Die Bildungsforschung sieht in Lernentwicklungsgesprächen Chancen für eine kindgerechtere Leistungsrückmeldung. Studien und Evaluationen berichten, dass Kinder motivierter sind, wenn sie ihre Lernfortschritte verstehen und eigene Ziele formulieren können. Die Zusammenarbeit zwischen Eltern, Kind und Lehrkraft wird gestärkt. Allerdings hängt der Erfolg stark von der Qualität der Gespräche und der Vorbereitung ab. Es gibt Hinweise, dass Lernentwicklungsgespräche besonders dann wirksam sind, wenn sie regelmäßig, gut strukturiert und wertschätzend geführt werden. Die Forschung betont aber auch, dass nicht alle Kinder und Familien gleichermaßen profitieren – manche wünschen sich weiterhin klare Orientierung durch Noten.

Was in deinem Bundesland gilt

Die Regelungen zu Lernentwicklungsgesprächen und Zeugnissen sind in den Schulgesetzen und Verordnungen der einzelnen Bundesländer festgelegt. In einigen Ländern sind Lernentwicklungsgespräche in bestimmten Klassenstufen verpflichtend, in anderen können Schulen sie freiwillig anbieten oder mit Noten kombinieren. Informationen dazu findest du auf den Seiten deines Schulministeriums oder im Schulgesetz deines Landes.

Stand: September 2026 – Regelungen können sich je nach Bundesland unterscheiden.

Häufige Fragen

Wie bereite ich mich als Elternteil auf ein Lernentwicklungsgespräch vor?

Schreibe dir Beobachtungen und Fragen zum Lern- und Sozialverhalten deines Kindes auf. Überlege gemeinsam mit deinem Kind, was gut läuft und wo es sich Unterstützung wünscht. Sei offen für die Sicht der Lehrkraft und deines Kindes.

Bekommt mein Kind trotzdem ein Zeugnis?

In vielen Fällen gibt es statt eines klassischen Notenzeugnisses einen Lernentwicklungsbericht oder ein Protokoll des Gesprächs. In manchen Bundesländern werden beides kombiniert oder Noten erst ab einer bestimmten Klassenstufe vergeben.

Gibt es Lernentwicklungsgespräche auch in weiterführenden Schulen?

Bisher sind sie vor allem in der Grundschule verbreitet. In einigen reformorientierten oder privaten Schulen werden sie auch in höheren Klassen genutzt, oft als Ergänzung zu Noten.

Was passiert, wenn mein Kind im Gespräch nicht sprechen möchte?

Lehrkräfte sind darauf vorbereitet und unterstützen Kinder dabei, sich zu äußern. Es ist in Ordnung, wenn ein Kind anfangs schüchtern ist. Mit der Zeit werden viele sicherer und beteiligen sich mehr.

Wie verbindlich sind die Ziele aus dem Gespräch?

Die Ziele sind als Orientierung gedacht und werden meist beim nächsten Gespräch überprüft. Sie sind keine offiziellen Bewertungen, sondern sollen das Kind motivieren und beim Lernen unterstützen.

Über diesen Beitrag

Autor:in
Redaktion
Veröffentlicht
12. September 2026
Prüfung
Redaktionell recherchiert anhand der genannten Quellen.
Quellenbasis
  • Nationaler Bildungsbericht „Bildung in Deutschland“ (Autorengruppe Bildungsberichterstattung)
  • Kultusministerkonferenz (KMK)
  • Schulgesetze der 16 Bundesländer
  • Deutsches Schulportal

Wie wir arbeiten und Quellen auswählen: Redaktionelle Standards. Schulrecht ist Ländersache; Regelungen können sich je nach Bundesland unterscheiden.

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