Angst vor Fehlern: Warum manche Kinder sich nichts mehr zutrauen · https://schulgedanken.de/kind-und-schule/angst-vor-fehlern/
Kurz erklärt
Wenn Kinder sich nichts mehr zutrauen, steckt oft die Angst vor Fehlern dahinter – manchmal aus Sorge, bewertet oder ausgelacht zu werden. Ein unterstützendes Umfeld, das Fehler als Lernchance sieht, hilft. Eltern können mit kleinen Schritten ermutigen und sollten bei anhaltender Belastung professionelle Unterstützung suchen.
Das Wichtigste in Kürze
- Viele Kinder fürchten, Fehler zu machen – besonders in der Schule.
- Perfektionismus und Angst vor Bewertung können dazu führen, dass Kinder sich nichts mehr zutrauen.
- Ein wertschätzender Umgang mit Fehlern stärkt das Selbstvertrauen.
- Eltern können durch Ermutigung und eine offene Fehlerkultur helfen.
- Bei starker, anhaltender Angst oder Rückzug ist professionelle Unterstützung sinnvoll.
Worum geht es?
Immer wieder berichten Eltern, dass ihr Kind sich in der Schule kaum noch etwas traut: Es meldet sich nicht mehr, gibt Aufgaben lieber gar nicht ab oder fängt aus Angst vor Fehlern gar nicht erst an. Manche Kinder weinen, wenn sie einen Fehler machen, oder verweigern Arbeiten, bei denen sie unsicher sind. Hinter diesen Reaktionen steckt oft die Angst, Fehler zu machen und dafür kritisiert, ausgelacht oder schlechter bewertet zu werden.
Diese Angst kann sich auf verschiedene Bereiche ausweiten: Nicht nur in Klassenarbeiten, sondern auch beim Vorlesen, beim Sport oder bei Gruppenarbeiten. Manche Kinder entwickeln einen ausgeprägten Perfektionismus – sie wollen alles richtig machen und vermeiden alles, was riskant erscheint. Andere ziehen sich zurück und beteiligen sich kaum noch am Unterricht. Für Eltern ist das oft schwer auszuhalten, weil sie ihr Kind als mutig und neugierig kennen – und nun erleben, wie es sich selbst begrenzt.
Warum ist das so?
Fehler gehören zum Lernen dazu. Trotzdem erleben viele Kinder Fehler als bedrohlich. Es gibt verschiedene Gründe, warum Kinder Angst vor Fehlern entwickeln oder sich nichts mehr zutrauen:
- Leistungsdruck und Bewertung: In der Schule werden Fehler oft mit schlechten Noten oder Kommentaren verbunden. Kinder spüren, dass Leistung zählt – und wollen nicht negativ auffallen.
- Vergleiche mit anderen: Wenn Kinder sich ständig mit Mitschüler:innen vergleichen, entsteht das Gefühl, nicht gut genug zu sein.
- Erfahrungen mit Kritik oder Auslachen: Wer schon einmal ausgelacht oder beschämt wurde, meidet ähnliche Situationen.
- Elterliche Erwartungen: Auch gut gemeinte Hinweise („Du kannst das doch eigentlich besser!“) können Druck erzeugen.
- Eigene Ansprüche und Perfektionismus: Manche Kinder setzen sich selbst hohe Ziele und haben Angst, diesen nicht zu genügen.
- Unsicherheit durch wiederholte Misserfolge: Wer öfter scheitert, verliert das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Ein Beispiel aus dem Schulalltag: Ein Kind rechnet eine Matheaufgabe falsch und bekommt dafür einen roten Strich. Die Lehrkraft sagt: „Du musst besser aufpassen!“ In der nächsten Stunde meldet sich das Kind nicht mehr – aus Angst, wieder einen Fehler zu machen. Oder: Beim Vorlesen stolpert ein Kind über ein schwieriges Wort, Mitschüler:innen kichern. Das Kind liest beim nächsten Mal lieber gar nicht mehr vor.
Was kannst du tun?
Eltern können viel dazu beitragen, die Angst vor Fehlern zu verringern und das Zutrauen ihres Kindes zu stärken. Es geht nicht darum, Fehler schönzureden, sondern einen hilfreichen Umgang damit zu finden. Hier einige konkrete Schritte:
1. Fehler als Lernchance vermitteln
- Sprich mit deinem Kind offen über Fehler – auch über eigene, die du gemacht hast.
- Zeige, dass Fehler normal und wichtig für das Lernen sind.
- Betone, was dein Kind aus Fehlern lernen kann („Was hast du dabei entdeckt?“).
2. Druck herausnehmen
- Vermeide Sätze wie „Du musst das können!“ oder „Das ist doch ganz leicht!“.
- Signalisiere, dass du dein Kind unabhängig vom Ergebnis wertschätzt.
- Ermutige kleine Fortschritte, nicht nur perfekte Lösungen.
3. Schrittweise Ermutigung
- Setze gemeinsam kleine, erreichbare Ziele („Heute versuchst du, dich einmal zu melden.“).
- Lobe Mut und Anstrengung, nicht nur richtige Antworten.
- Lass dein Kind eigene Lösungswege ausprobieren, auch wenn sie nicht sofort zum Ziel führen.
4. Offene Kommunikation mit der Schule
- Sprich mit der Lehrkraft, wenn dein Kind große Angst vor Fehlern zeigt.
- Bitte um Rückmeldung, wie dein Kind im Unterricht erlebt wird.
- Frage nach Möglichkeiten, wie die Schule einen positiven Umgang mit Fehlern fördern kann (z. B. Fehlerfreundliche Aufgabenformate, Zeit für Nachfragen).
5. Vergleiche vermeiden
- Vergleiche dein Kind nicht mit Geschwistern oder anderen Kindern.
- Betone individuelle Stärken und Fortschritte.
- Mach deutlich, dass jeder Mensch unterschiedlich lernt und Fehler macht.
6. Umgang mit Perfektionismus
- Sprich über Perfektionismus und was dahintersteckt („Was passiert, wenn es nicht perfekt ist?“).
- Zeige, dass niemand alles richtig machen kann – auch Erwachsene nicht.
- Unterstütze dein Kind dabei, Fehler auszuhalten und trotzdem weiterzumachen.
7. Entspannung und Ausgleich
- Achte darauf, dass dein Kind genügend Auszeiten, Bewegung und entspannende Aktivitäten hat.
- Gemeinsame Zeit ohne Leistungsdruck (z. B. Spielen, Basteln, Spazierengehen) kann helfen, Stress abzubauen.
8. Geduld und Verständnis
- Bleibe geduldig, auch wenn Fortschritte langsam sind.
- Zeige Verständnis für Ängste und Unsicherheiten.
- Vermeide es, die Angst kleinzureden („Das ist doch nicht schlimm!“), sondern nimm sie ernst.
Was die Forschung sagt
Studien zeigen, dass eine konstruktive Fehlerkultur das Lernen fördert und das Selbstvertrauen stärkt. Kinder, die erleben, dass Fehler erlaubt sind und als Teil des Lernens gesehen werden, zeigen mehr Ausdauer und Mut, Neues auszuprobieren. Perfektionismus und Angst vor Bewertung können dagegen zu Rückzug, Vermeidungsverhalten und sogar zu Leistungsabfall führen. Die Forschung betont die Bedeutung von Lob für Anstrengung statt für fehlerfreie Ergebnisse und empfiehlt, Fehler als normalen Bestandteil des Lernprozesses zu behandeln. Auch die Haltung der Lehrkräfte und Eltern spielt eine entscheidende Rolle dafür, wie Kinder mit Fehlern umgehen.
Was in deinem Bundesland gilt
Der Umgang mit Fehlern und Bewertungen in der Schule ist nicht bundesweit einheitlich geregelt. Die Schulgesetze und Richtlinien der einzelnen Bundesländer geben aber vor, dass Kinder individuell gefördert werden sollen und dass der Schutz vor Bloßstellung ein wichtiges Ziel ist. In manchen Bundesländern gibt es spezielle Programme zur Förderung von Selbstvertrauen und zur Stärkung der Fehlerkultur. Informationen zu den Regelungen und Angeboten findest du bei deinem Schulministerium oder im Schulgesetz deines Bundeslandes.
Stand: September 2026 – Regelungen können sich je nach Bundesland unterscheiden.
Wann Unterstützung sinnvoll ist
Viele Kinder haben Phasen, in denen sie unsicher sind oder Angst vor Fehlern haben. Wenn dein Kind jedoch über längere Zeit starke Angst zeigt, sich immer mehr zurückzieht, häufig weint, Schlafprobleme hat oder den Schulbesuch verweigert, solltest du Unterstützung suchen. Ansprechpartner:innen können sein:
- Kinder- und Jugendärzt:in
- Schulpsychologischer Dienst
- Beratungslehrkraft an der Schule
- Erziehungsberatungsstellen
Diese Fachleute können gemeinsam mit dir und deinem Kind klären, wie die Angst bewältigt werden kann und ob weitere Hilfen notwendig sind.
Häufige Fragen
Wie kann ich meinem Kind helfen, wenn es Angst hat, sich zu melden?
Ermutige kleine Schritte, z. B. ein kurzes Melden oder das Stellen einer Frage. Lobe Mut und Engagement, nicht nur richtige Antworten. Sprich mit der Lehrkraft über mögliche Unterstützung.
Ist Perfektionismus bei Kindern normal?
Viele Kinder wollen alles richtig machen. Wenn der Wunsch nach Perfektion aber dazu führt, dass sie sich nichts mehr zutrauen oder Angst vor Fehlern haben, kann das belastend sein. Dann ist es wichtig, gemeinsam Wege aus der Perfektionsfalle zu finden.
Sollte ich Fehler meines Kindes korrigieren oder ignorieren?
Es kommt auf das Wie an: Fehler offen besprechen, aber nicht dramatisieren. Zeige, wie man aus Fehlern lernen kann, ohne Druck auszuüben.
Was tun, wenn die Lehrkraft sehr streng mit Fehlern umgeht?
Das Gespräch mit der Lehrkraft suchen und um einen wertschätzenden Umgang mit Fehlern bitten. Falls nötig, kann auch die Schulleitung oder der schulpsychologische Dienst eingebunden werden.
Wie lange dauert es, bis sich die Angst vor Fehlern bessert?
Das ist sehr unterschiedlich. Mit Geduld, Verständnis und kleinen Erfolgen kann sich das Zutrauen nach und nach wieder aufbauen. Bei anhaltender Belastung ist professionelle Hilfe sinnvoll.
Über diesen Beitrag
- Autor:in
- Redaktion
- Veröffentlicht
- 21. August 2026
- Prüfung
- Redaktionell recherchiert anhand der genannten Quellen.
- Quellenbasis
- Hattie-Studie „Visible Learning“ (Metaanalysen zum Lernerfolg)
- Bundeszentrale für politische Bildung (bpb)
- Leitlinien der AWMF zu Entwicklungsstörungen und ADHS
- Schulgesetze der 16 Bundesländer
Wie wir arbeiten und Quellen auswählen: Redaktionelle Standards. Schulrecht ist Ländersache; Regelungen können sich je nach Bundesland unterscheiden.




